· Pressemitteilung

Noch außergewöhnlich: DRK-Blutspende-Termin in der Moschee-Gemeinde - Dialog der Kulturen vor Ort

Die vormalige Ortsbürgermeisterin von Wehrendorf, Maria Höckmann, spendet Blut und führt anschließend einen interkulturellen Dialog
Noch gibt es die Blutspender-Ausweise in Kartenform, demnächst wohl nur noch per Smartphone
Der Laborplatz - hier wird der Hämaglobin-Wert (Eisengehalt im Körper) durch einen Blutstropfen festgestellt und die Temperatur, dann das Arztgespräch. Alle DRK-Kräfte sind sehr rücksichtsvoll zu den Spendern
Auf dem Friedhof in Bad Essen gibt es jetzt ein Gräberfeld speziell angelegt für Verstorbene des muslimischen Glaubens

In der Sultan-Murad-Moschee in Linne treffen sich Menschen verschiedener Herkunft zum Blutspendetermin des DRK. Die Veranstaltung verbindet religiöse Traditionen mit gesellschaftlichem Engagement.

Jetzt vor über zehn Jahren wagte der damalige DRK-Ortsvereinsvorsitzende Dr. med. Josef Hoffschroer einen Versuch. Seine geschätzte Mitarbeiterin in der Sprechstunde, Frau Celik, stellte den Kontakt zum Vorstand der Moschee-Gemeinde her. Die Sultan-Murad-Moschee befindet sich in der Ortschaft Linne der Gemeinde Bad Essen, und zwar an der Buerschen Straße (L 83). Die Gemeinde ist als eingetragener Verein organisiert und die gläubigen Muslime kommen aus dem Wittlager Land sowie aus Melle und Preußisch Oldendorf – also ein größerer Einzugsbereich. Die fest etablierte Gemeinschaft ist eine Ditip-Gemeinde, also der vor Ort mit seiner Familie auf begrenzte Zeit lebende Imam wird von der türkischen Religionsbehörde entsandt.

Was damals außergewöhnlich war, einen DRK-Blutspendetermin in den Nebenräumen einer muslimischen Moschee zu organisieren, ist inzwischen Routine. Der öffentliche Termin findet jeweils freitags statt, dies aus dem Grund, weil für das „Freitagsgebet“ viele gläubige Muslime aus dem größeren Einzugsbereich anreisen. Das „Freitagsgebet“ ist vergleichbar mit den sonntäglichen Gottesdiensten und Messen der christlichen Religionen. Ümit Dumann, bis vor kurzem langjähriger Vorsitzender der Moschee-Gemeinde in Linne, erklärt den Ablauf. Die Gläubigen kommen meist direkt von der Arbeit zur Moschee. Vorgeschrieben ist vor dem Betreten des Gebetsraumes die rituelle Fußwaschung, getrennt nach Geschlechtern, ebenso die Trennung im Gebetsraum. Die Gläubigen knien, und zwar in Richtung der für Muslime heiligen Stadt Mekka; die Sonne im Höchststand hilft bei der Orientierung. Der Vorbeter liest aus dem Koran und spricht Gebete. Etwa 30 Minuten dauert das Gebet mit den Verbeugungen in der Moschee; um 14 Uhr endet die Prozession.

Der Imam weist die Gläubigen auf die anschließende Blutspende-Aktion hin, die vom DRK-Blutspendedienst in Springe durchgeführt wird. Ehrenamtliche DRK-Helfer vom Ortsverein Bad Essen übernehmen die Aufnahme der Blutspender in das Datensystem. Versorgt werden die Blutspender anschließend vom Moschee-Verein mit heißen Getränken, mit Speisen, Obst und Köstlichkeiten. Der Spender erhält keine Vergütung für seine Blutspende. Dafür zahlt der DRK-Blutspendedienst in diesem Fall der türkischen Moschee-Gemeinde je Spender einen kleinen Pauschalbetrag für die Verköstigung der Spender.

Die DRK-Helfer bei der Aufnahme, die dem Datenschutz verpflichtet sind, können Unterschiede beobachten und darüber auch mit den Spendern sprechen. Eine größere Anzahl auch jüngerer Spender zeigt bei der Registrierung einen „Aufenthaltstitel-Ausweis“, sie sind hier geboren, haben nur die türkische Staatsangehörigkeit. In der Türkei gibt es nach wie vor die Wehrpflicht. Ein junger Mann, der mit einer deutschen Frau verheiratet ist, erzählt, dass er sich durch Zahlung einer Ablösesumme vom Wehrdienst in der Türkei „freigekauft“ habe. Zu Hause sprechen sie weitgehend türkisch, mit Rücksicht auf seine deutsche Ehefrau auch deutsch. Dieses Beispiel macht deutlich: Voll integrierte Personen der vierten oder fünften Einwanderer-Generation verzichten bewusst auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie haben nur die türkische Staatsangehörigkeit. Die traditionellen kulturellen Werte sind ihnen wichtig, sie beachten alle Regeln und Gesetze, sind gebildet und im Arbeitsprozess angesehene Mitarbeiter oder selbst Unternehmer. Ein türkischer Spender drückte es so aus: „Gegenseitiger Respekt ist für das Zusammenleben wichtig, auch bei unterschiedlichen Kulturen!“

Am Samstag, 3. Oktober, ist der Tag der Deutschen Einheit. Hier war die Moschee in Linne für Besucher geöffnet. Der Dialog sollte geführt werden, zwischen den christlich geprägten Einwohnern und den muslimischen Gläubigen. Während speziell die türkischen Zuwanderer viele technische Veränderungen längst beherrschen und nutzen, sind die Religionsregeln im Islam fast konstant, weder Veränderung noch Anpassung. Dies gilt es zu akzeptieren. Sich informieren über die Lebensweise der muslimischen Mitbürger, dies nutzen einige Einwohner aus der Gemeinde Bad Essen, etwa die frühere Ortsbürgermeisterin von Wehrendorf, Maria Höckmann.

Inzwischen ist auf dem Friedhof in Bad Essen ein Gräberfeld speziell auf die religiösen Bedürfnisse für rituelle Beisetzungen muslimischer Gläubiger entstanden. Ümit Dumann hat hier die Gespräche mit der Gemeinde Bad Essen geführt, die mit Ratsbeschluss das Projekt umgesetzt hat. Die Wege sind angelegt. Muslimische Verstorbene dürfen nicht in Urnen beigesetzt werden, nur Erdbestattungen in Tüchern eingehüllt und die Ausrichtung der Gräber nach Mekka, der heiligen Stätte. Bislang wurden muslimische Verstorbene oft im verschlossenen Sarg per Flugzeug in die Türkei verbracht. Dies war für die Familien der Verstorbenen sehr teuer und aufwendig. Bürgermeister Timo Natemeyer traf die Vereinbarungen mit der Moschee-Gemeinde, sodass das Zusammenleben der Kulturen auch die Bestattungen einbezieht – ein großer Fortschritt für die Integration vor Ort.

Dialog beim noch außergewöhnlichen Blutspendetermin in der Moschee-Gemeinde Sultan Murad

Geschichtliche Daten können nur zutreffend erfasst werden, wenn verlässliche Daten vorliegen: 

Zum Blutspende-Termin in der Sultan-Murad-Moschee in Linne teilt Anke Hamker mit, dass sie etwa 2012 einen Lehrgang an der Polizei-Bildungsstätte Hann. Münden besuchte und bei einem Rundgang in der Stadt mit Interesse wahrnehmen konnte, dass dort in einer Moschee für das DRK Blut gespendet wurde. Diese Erkenntnis gab die damalige Polizeihauptkommissarin Anke Hamker weiter an Dr. Josef Hoffschroer, später DRK-Ortsvereinsvorsitzender, und Jürgen Schierbaum, der für den vorherigen DRK-Ortsverein Lintorf-Rabber Verantwortung trug, weiter. Später wurden die beiden DRK-Ortsvereine verschmolzen zum neuen DRK-Ortsverein Bad Essen. DRK-Vorsitzender Dr. Hoffschroer griff die Anregung von Anke Hamker, die diese bei einem Fortbildungslehrgang beobachtet hatte, dankend auf. Und seit 2013 gibt es jetzt jährlich einmal den Blutspende-Termin in der türkischen Moschee in Linne. Jürgen Schierbaum hat sich ebenso wie Dr. Josef Hoffschroer dafür eingesetzt, dass es zu diesem noch recht außergewöhnlichen Blutspende-Termin gekommen ist. Ideengeberin war somit Anke Hamker. Seit 2013 gibt es jetzt jährlich diese Zusammenarbeit.

Text und Fotos: Eckhard Grönemeyer